Belgischer Ex-Diplomat Étienne Davignon stirbt vor Prozess zur Ermordung Patrice Lumumbas
Der 93-jährige frühere EU-Kommissar war als erster Beschuldigter in der Untersuchung zur Ermordung Patrice Lumumbas angeordnet worden, starb jedoch, bevor ein Prozess beginnen konnte.
Nach Angaben des Jacques Delors Institute ist der belgische Ex-Diplomat Étienne Davignon im Alter von 93 Jahren gestorben. Im März war gegen ihn verfügt worden, sich vor Gericht wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit der Ermordung Patrice Lumumbas im Jahr 1961 zu verantworten; einen laufenden Prozess erlebte er nicht mehr.
Im Mittelpunkt der Vorwürfe stand die Rolle des damals rangniedrigen Diplomaten bei der außergerichtlichen Festnahme beziehungsweise Überstellung Lumumbas, durch die dessen Recht auf ein unparteiisches Verfahren verletzt worden sein soll. Zugleich wurde Davignon beschuldigt, in die Tötung zweier politischer Weggefährten Lumumbas, Maurice Mpolo und Joseph Okito, involviert gewesen zu sein. Er wies die Anschuldigungen zurück und legte gegen die Entscheidung, vor Gericht zu erscheinen, Berufung ein.
Nach dem Schritt, ihn als ersten Beschuldigten anzuklagen, galt Davignon als letzter noch lebender Angeschuldigter der belgischen Untersuchung. Gleichzeitig hatte das Gericht zuvor entschieden, Fälle gegen weitere Verdächtige nicht offen zu halten, weil diese bereits verstorben waren. Mit Davignons Tod endet damit die aktive Strafverfolgung gegen die in Belgien identifizierten mutmaßlichen Beteiligten.
In den 1960er Jahren war Patrice Lumumba nach der Unabhängigkeit der damaligen Demokratischen Republik Kongo zum ersten Ministerpräsidenten gewählt worden. Monate nach seinem Amtsantritt wurde er abgesetzt und am 16. Januar 1961 von belgisch unterstützten Abspaltungsrebellen getötet, ein Ereignis, das als prägender Moment in der Kolonialgeschichte Belgiens und in den Unabhängigkeitsbewegungen Afrikas gilt.
Daneben blieb die Auseinandersetzung um Lumumbas Tod über Jahrzehnte ein sensibles Thema in Belgien und in der Demokratischen Republik Kongo. Davignons Tod schließt die juristische Phase für die in Belgien identifizierten Verdächtigen, lässt jedoch die historischen Debatten und die Forderung nach Aufklärung, wie sie von Angehörigen und Beobachtern erhoben wurden, weiterbestehen.