Experte: Lawinentote in den Alpen saisonübergreifend deutlich gestiegen
Avalanche-Forscher erklärt, wie persistente Schwachschichten, schubweise Großschneefälle und menschliches Verhalten die Zahl tödlicher Lawinenunfälle ansteigen ließen
- Die Wintersaison brachte eine ungewöhnlich hohe Zahl tödlicher Lawinenunfälle
- verantwortlich sind komplexe Schneeverhältnisse und vermehrte Exposition in gefährdetem Gelände.
Nach Angaben des Lawinenforschers Johan Gaume ist die laufende Saison in den Alpen von einer deutlich erhöhten Zahl tödlicher Lawinenunfälle geprägt. Gezählt wird die Saison ab dem 1. Oktober; bis zum Zeitpunkt der Analyse lag die Zahl der Toten bei 146. Das entspricht einem Wert, der über dem langjährigen Durchschnitt liegt und in einigen jüngeren Jahren mehr als doppelt so hoch ausfiel.
Im Mittelpunkt der Erklärung steht die ungewöhnliche Zusammensetzung der Schneedecke: Ein früher Beginn mit Niederschlag im November wurde von einer langen Trockenperiode mit sehr kalten, sonnigen Tagen abgelöst. Unter diesen Bedingungen bildeten sich persistente Schwachschichten – große, brüchige Kristalle mit schlechter Bindung, die als instabile Unterlage für spätere Schneelasten fungieren können.
Nach dem Schritt mit der Trockenphase folgte im Januar wieder erhebliche Neuschneezufuhr, die teils in geballten Mengen fiel und dichte Schneedecken bildete. Diese neuen Schneemassen bildeten Schollen, sogenannte Schneedeckenplatten, die auf den zuvor entstandenen fragilen Schichten ruhten. Solche Konstruktionen sind anfällig: Eine lokale Schwäche im Untergrund, ein scharfer Schwung oder ein Sturz eines Wintersportlers kann ausreichen, um eine Abbruchfläche zu erzeugen und eine Lawine auszulösen.
Zugleich hebt Gaume hervor, dass klimatische Verschiebungen diese Abfolge von Trockenperioden und intensiven Schneefällen begünstigen können. Eine größere Variabilität der Witterung begünstige die Bildung persistenter Schwachschichten und könne damit die Lawinengefahr tendenziell erhöhen. Damit verlagert sich das Risiko nicht nur zeitweise, sondern bleibt über längere Phasen bestehen.
Daneben betont er die menschliche Dimension des Problems: Viele Unfälle ereignen sich unmittelbar nach Schneefällen, wenn bei blauem Himmel und frischem Pulverschnee zahlreiche Menschen ins Gelände aufbrechen. Auch sehr erfahrene Bergführer, Pistenretter und Profi-Sportler können sich in solchen Konstellationen irren oder Pech haben. Vor diesem Hintergrund sind präzise Gefahrenhinweise, Zurückhaltung in kritischem Gelände und vorsichtiges Verhalten nach heftigen Schneefällen zentrale Elemente zur Reduktion weiterer Todesfälle.