Neue Messgröße 'average poverty' zeigt USA deutlich schlechter als Europa
Ein Oxford-Ökonom misst Armut in der Zeit, die nötig ist, um 1 internationalen Dollar zu verdienen. Nach dieser Methode schneiden die USA deutlich schlechter ab als Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich.
Olivier Sterck, Associate Professor of Economics an der Universität Oxford, hat eine neue, zeitbasierte Kennzahl zur Messung von Armut vorgestellt, die er average poverty nennt. Der Indikator misst, wie viel Zeit eine durchschnittliche Person benötigt, um ein internationales Dollar zu verdienen. Damit will Sterck Aspekte der Einkommensverteilung und Ungleichheit sichtbarer machen als klassische Armutsgrenzen.
Die Berechnungen für 2025 zeigen deutliche Unterschiede zwischen den USA und mehreren großen europäischen Volkswirtschaften. In den Vereinigten Staaten liegt die benötigte Zeit demnach bei 63 Minuten. In Deutschland beträgt sie 26 Minuten, in Frankreich 31 Minuten und im Vereinigten Königreich 34 Minuten. Nach dieser Messung ist die durchschnittliche Armutszeit in den USA damit etwa doppelt so hoch wie in den drei verglichenen europäischen Ländern.
Sterck hebt hervor, dass diese zeitliche Perspektive nicht allein vom Durchschnittseinkommen bestimmt wird, sondern maßgeblich von der Einkommensdispersion. Obwohl das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der USA oft über Europa liegt, sei die Einkommensstreuung dort deutlich größer. Als Folge ergebe sich eine stärkere Ungleichheit zwischen Individuen: Die erwartete Einkommensrelation zweier zufällig gewählter Personen liege in den USA über 4, in Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich aber nur bei etwa 1,5.
Historische Vergleiche untermauern den Befund: 1990 benötigte eine durchschnittliche Person in den USA 43 Minuten, um einen internationalen Dollar zu verdienen; bis 2025 stieg dieser Wert auf 63 Minuten. In Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich verlief die Entwicklung hingegen stabiler oder rückläufig. Sterck führt die Entwicklung in den USA darauf zurück, dass Ungleichheit über Jahrzehnte stärker zugenommen habe als die durchschnittlichen Einkommen.
Neben den Unterschieden zwischen reichen Ländern weist Sterck auf einen globalen Trend hin: Seit 1990 habe die benötigte Zeit zum Erwirtschaften eines internationalen Dollars weltweit deutlich abgenommen, sodass sich die weltweite Armut nach seiner Berechnung um rund 55 Prozent reduziert habe. Er beschreibt average poverty als inklusiv, distributionssensitiv und decomponierbar und sieht die Kennzahl als ergänzende Perspektive zu bestehenden Armutsmaßen.
Für die Debatte über Wohlstand und Verteilung liefert die neue Messgröße eine klare Warnung: Wirtschaftswachstum allein garantiere nicht automatisch eine Verringerung von Armut, wenn gleichzeitig die Ungleichheit stärker wachse als die Einkommen. Die Zeit, die Menschen zum Erwerb eines internationalen Dollars benötigen, biete eine direkte, vergleichbare Sicht auf diese Spannungen.