Europa darf nicht auf eine Rückkehr zur Normalität nach Trump setzen, warnt Guardian‑Kolumnist
Rafael Behr warnt, dass die Schädigung der US‑Demokratie unter Donald Trump Europa zwinge, seine Sicherheitsstrategien unabhängig von einer Rückkehr zur früheren transatlantischen Stabilität zu gestalten.
Nach Angaben des Guardian‑Kolumnisten Rafael Behr stellt Donald Trumps Amtsführung die Substanz der US‑Demokratie in Frage und macht eine zuverlässige Rückkehr zur früheren transatlantischen Ordnung unsicher. Behr hält zwar fest, dass die USA formal eine Demokratie bleiben, zugleich aber warnt er davor, beide Tatsachen als dauerhaft miteinander vereinbar zu betrachten. Für ihn ist der Konflikt zwischen einem Präsidenten, der königliche Machtansprüche zeigt, und einer Verfassung, die gerade das verhindern soll, kein vorübergehendes, sondern ein existenzielles Ringen um die Zukunft des republikanischen Systems.
Im Mittelpunkt seiner Analyse steht die Einschätzung, dass die erste Präsidentschaft Trumps keine ausreichende Immunität gegen antidemokratische Tendenzen geschaffen habe. Die zweite Amtszeit zeige stärkere Angriffe auf Rechtsstaatlichkeit und öffentliche Integrität; deswegen könne ein nachfolgender Präsident nicht automatisch die früheren verfassungsrechtlichen Normen wiederherstellen. Behr betont, dass diese Verwundung der US‑Ordnung weitreichende Folgen für die europäische Sicherheitspolitik hat, weil die Belastbarkeit transatlantischer Bündnisse maßgeblich von der Verlässlichkeit Washingtons abhängt.
Zugleich kritisiert Behr die europäische Reaktion als widersprüchlich: Einerseits habe man versucht, Trump durch Nachgiebigkeit und Schmeichelei an NATO‑Pflichten zu binden, andererseits steigerten manche Regierungen ihre Verteidigungshaushalte, um unabhängiger zu werden und Moskaus Aggressionen abzuschrecken. Diese Maßnahmen seien strategisch erklärbar — sie dienten sowohl der Abschreckung gegenüber Russland als auch der Beruhigung eines unzuverlässigen Partners — doch zugleich werde Europas Anpassung durch Hoffnung und Verdrängung ausgebremst.
Daneben macht Behr deutlich, wie sehr Trumps persönliche Autorität das Dilemma verschärfe: Wenn sich ein Präsident ausschließlich an der eigenen Moral und dem eigenen Urteil orientiere, werde eine teilweise, selektive Annäherung für Bündnispartner unmöglich. Das Verhalten des Präsidenten gegenüber europäischen Politikern, etwa scharfe Herabsetzungen bei Meinungsverschiedenheiten, illustriere die Schwierigkeit, mit einem Partner zu kooperieren, der totale Unterwerfung verlangt.
Unterdessen warnt Behr, dass Vertrauen in den früheren Status quo verloren gegangen sei und nicht automatisch durch einen Wahlausgang wiederhergestellt werde. Deshalb müssten europäische Sicherheitsplanungen realistischer werden: Vorrang sollten eigenständige Abschreckungsfähigkeiten und die Vorbereitung auf Szenarien haben, in denen Washington nicht verlässlich agiert. Diese Neubewertung der transatlantischen Abhängigkeit sei keine Kapitulation, sondern eine notwendige Anpassung an die beschriebenen Risiken.