Nepal: Balendra Shahs RSP steuert nach Protestjahr auf Parlamentsmehrheit zu
Frühe Auszählungen nach der Parlamentswahl vom 5. März deuten darauf hin, dass die Rastriya Swatantra Party unter Balendra Shah die traditionellen Machtparteien klar verdrängt und den Auftrag zur Regierungsbildung erhält.
- In den ersten belastbaren Zwischenständen führte die RSP in 100 von 137 direkt ausgezählten Wahlkreisen.
- Gewählt werden 165 Direktmandate und 110 Sitze über Parteilisten, sodass sich die Mehrheitsfrage im 275 Sitze grossen Unterhaus aus beiden Wahlkanälen zusammensetzt.
- Die Abstimmung ist die erste landesweite Wahl seit den Jugendprotesten des Jahres 2025 gegen Korruption, politische Abschottung und wirtschaftliche Stagnation.
- Der Einbruch von Nepali Congress und UML zeigt, wie stark sich die Wählerschaft von den alten Machtzentren abgewendet hat.
Nepals Parlamentswahl hat sich innerhalb weniger Stunden von einer regulären Auszählung zu einem politischen Bruch entwickelt. Als am Tag nach dem Urnengang die ersten grösseren Zählläufe vorlagen, zeichnete sich für die Rastriya Swatantra Party, kurz RSP, ein Vorsprung ab, den selbst erfahrene Beobachter nicht als normale Schwankung einordneten. Die neue Kraft um Balendra Shah lag in 100 von 137 bis dahin verfügbaren Direktwahlkreisen vorne und bewegte sich damit in einem Bereich, der nicht nur einen Wahlsieg, sondern einen Umbau des politischen Systems ankündigt. Für ein Land, das seit Jahren unter wechselnden Regierungen, blockierten Reformen und sinkendem Vertrauen in Parteien leidet, ist das mehr als ein Stimmungswechsel.
Die Dynamik ist auch deshalb bemerkenswert, weil die RSP erst seit kurzer Zeit auf nationaler Ebene existiert und sich personell wie kommunikativ deutlich von den alten Machtapparaten absetzt. Shah, früher Rapper und später Bürgermeister von Kathmandu, wurde während der Proteste von 2025 zur Symbolfigur für einen jüngeren, direkt ansprechbaren Politikstil. In Nepal werden 165 Sitze im Unterhaus direkt vergeben, weitere 110 über Parteilisten verteilt. Wer regieren will, braucht am Ende die Mehrheit im 275 Sitze umfassenden Haus. Genau deshalb war schon die frühe Führung in den Direktmandaten so politisch aufgeladen: Sie zeigte, dass die RSP nicht nur in der Hauptstadt oder in urbanen Milieus Resonanz findet, sondern landesweit in die alten Bastionen eindringt.
Der Absturz der etablierten Parteien erklärt sich nicht allein aus einer erfolgreichen Personalisierung um Shah. Vielmehr kumuliert in diesem Ergebnis die Erschöpfung über jahrzehntelange Machtwechsel ohne strukturelle Verbesserung. Die Proteste des vergangenen Jahres, die sich nach einem Social-Media-Verbot rasch zu einem breiteren Aufstand gegen Korruption und politische Selbstabschottung ausweiteten, hatten das Vertrauen in die alte Elite bereits massiv beschädigt. Viele Wähler betrachteten die Wahl deshalb nicht als Korrektur innerhalb des Systems, sondern als Gelegenheit zum Austausch des Systems selbst. Dass Nepali Congress früh eine Niederlage einräumte und auch K.P. Sharma Oli in seinem eigenen Umfeld unter Druck geriet, unterstreicht den Charakter dieser Verschiebung.
Für die Regierungsbildung ist nun entscheidend, ob die starke Linie aus den Direktmandaten durch die Parteilisten bestätigt wird. Sollte sich der Trend halten, könnte die RSP den nächsten Premier stellen, ohne in die üblichen komplizierten Mehrheitsketten gezwungen zu werden, die Nepals Politik oft lähmen. Gleichzeitig bleibt die institutionelle Umsetzung heikel. Ein Wahlsieg allein ersetzt weder Verwaltungskapazität noch eine belastbare Parlamentsorganisation. Die Partei muss Kandidaten, die vor allem als Protestträger erfolgreich waren, in eine Fraktion mit klarer Disziplin, Programmatik und Verhandlungsfähigkeit überführen. Gerade in Nepal, wo Koalitionen und Fraktionswechsel immer wieder Regierungen zermürbt haben, wird das zum ersten Härtetest.
Damit beginnt für Shah und seine Partei die schwierigere Phase erst nach dem Jubel über die Zwischenergebnisse. Erwartet werden Antworten auf Jugendarbeitslosigkeit, Investitionsschwäche, Korruptionsvorwürfe, schwache staatliche Dienstleistungen und die anhaltende Abhängigkeit vieler Familien von Auslandsüberweisungen. Wer mit dem Versprechen antritt, eine aufgebrachte junge Wählergeneration ernst zu nehmen, wird schnell an Tempo und Umsetzbarkeit gemessen. Der politische Wert dieser Wahl liegt deshalb nicht nur in der Niederlage der Altparteien, sondern in der Frage, ob Nepal den Schritt von der revoltierenden Strasse zu einer handlungsfähigen neuen Regierungsmehrheit schafft.