Bund macht Weg frei für Brennelemente-Projekt in Lingen trotz Rosatom-Partner
Nach Medienberichten hat die Bundesregierung eine atomrechtliche Bewertung unter Auflagen für den geplanten Ausbau der Brennelementefabrik Lingen abgeschlossen, bei dem eine Framatome-Tochter mit dem russischen Staatskonzern Rosatom kooperieren soll.
- In Lingen soll die Fertigung um sechseckige Brennelemente erweitert werden, die in Reaktoren sowjetischen Typs in Europa eingesetzt werden.
- Der Bund hat dem Projekt demnach im Rahmen einer atomrechtlichen Bewertung unter Auflagen grünes Licht gegeben, die Endgenehmigung liegt bei Niedersachsen.
- Sicherheitsbehörden waren in die Prüfung einbezogen, weil Rosatom beziehungsweise die Rosatom-Tochter TVEL Technik, Know-how und Lizenzen liefern soll.
- Umwelt- und Sicherheitskritiker warnen vor Spionage- und Einflussrisiken, während Befürworter auf Versorgungssicherheit für VVER-Reaktoren verweisen.
Die Bundesregierung hat nach übereinstimmenden Medienberichten den Weg für ein umstrittenes Nuklearprojekt in Niedersachsen freigemacht. Im Kern geht es um die Brennelementefabrik in Lingen, die von Advanced Nuclear Fuels (ANF), einer Tochter des französischen Konzerns Framatome, betrieben wird. Der Bund soll eine atomrechtliche Bewertung unter Auflagen abgeschlossen haben, wodurch das Vorhaben in die letzte Genehmigungsphase übergeht.
ANF plant, am Standort Lingen künftig neben den bisher gefertigten Brennelementen auch sechseckige Brennelemente russischen Designs herzustellen. Solche Brennelemente werden in sogenannten VVER- beziehungsweise WWER-Reaktoren eingesetzt, die in mehreren nord- und osteuropäischen Ländern betrieben werden. Für die Fertigung will ANF nach bisher bekannten Plänen mit Rosatom kooperieren; die Rosatom-Tochter TVEL soll dabei Anlagen, Know-how sowie Lizenzen bereitstellen.
Das Vorhaben galt in Berlin als sicherheitspolitisch sensibel, weil eine technische Zusammenarbeit mit einem russischen Staatskonzern vorgesehen ist. Nach den Berichten wurde das Projekt deshalb von mehreren Sicherheitsbehörden geprüft; die Federführung lag beim Bundesumweltressort. Die abschließende atomrechtliche Genehmigung erteilt allerdings nicht der Bund, sondern die zuständige Landesbehörde: Das niedersächsische Umweltministerium muss den Antrag in einem finalen Schritt entscheiden.
Details zu den Auflagen und zur konkreten Ausgestaltung der Zusammenarbeit sind öffentlich nur begrenzt bekannt. Kritiker sehen in einer Rosatom-Beteiligung Risiken für die innere und äußere Sicherheit und verweisen auf mögliche Spionage- oder Einflusskanäle über Personal, Software, Lieferketten und technische Schnittstellen. Befürworter argumentieren hingegen, dass europäische Betreiber von VVER-Reaktoren langfristig verlässliche Brennstoffoptionen benötigen und eine Fertigung in der EU grundsätzlich die Abhängigkeit von Importen reduzieren könne.
Die Debatte fällt in eine Phase, in der die EU in vielen Bereichen auf „De-Risking“ gegenüber Russland setzt, während einzelne Atom-Brennstoffketten in Europa weiterhin stark von russischen Lieferungen und Lizenzen geprägt sind. Gerade in Osteuropa laufen Umstellungsprogramme auf alternative Brennstoffanbieter teils über Jahre und sind technisch wie regulatorisch komplex. Eine zusätzliche Fertigungskapazität in Deutschland könnte die Versorgung von VVER-Betreibern beeinflussen, steht aber wegen der geplanten Rosatom-Rolle im Spannungsfeld zwischen Industriepolitik und Sicherheitsinteressen.
Für den weiteren Verlauf ist entscheidend, wie Niedersachsen die verbleibenden Genehmigungsschritte und Auflagen bewertet und welche Bedingungen für Betrieb, IT-Sicherheit, Personalzugang und Lieferkettenkontrolle festgelegt werden. Ebenso offen ist, ob es juristische Verfahren oder politische Initiativen gibt, die das Projekt verzögern oder verändern. Bis zu einer finalen Landesgenehmigung bleibt das Vorhaben damit formal nicht abgeschlossen, auch wenn der Bund nach den Berichten die entscheidende Vorprüfung unter Auflagen positiv abgeschlossen hat.