Europäische Ermittler ordnen Paketanschläge russischem Militärgeheimdienst zu und identifizieren 22 Verdächtige
Europäische Ermittler haben 22 Verdächtige in Litauen und Polen identifiziert, die hinter selbstentzündenden Paketen von 2024 gestanden haben sollen und nach Einschätzung der Behörden für den russischen Militärgeheimdienst arbeiteten.
- Ein von Eurojust koordiniertes Ermittlerteam aus fünf Ländern brachte zwei Verfahren bereits vor Gerichte in Litauen und Polen.
- Die Anschläge betrafen 2024 Sendungen mit Bränden in Leipzig, Birmingham und auf einem Lastwagen in Polen; ein weiteres Paket wurde intakt sichergestellt.
- Die Ermittler stießen zudem auf Testsendungen in Richtung USA und Kanada sowie auf weitere identische Pakete in Amsterdam.
- Laut den Behörden wurden die Beteiligten häufig über Messenger angeworben, in Kryptowährungen bezahlt und gezielt aus prekären sozialen Lagen rekrutiert.
Europäische Sicherheitsbehörden haben am 6. März einen der bislang detailreichsten Einblicke in einen mutmaßlich russisch gesteuerten Sabotagekomplex auf europäischem Boden gegeben. Eurojust, die Metropolitan Police und die litauische Generalstaatsanwaltschaft erklärten übereinstimmend, dass ein gemeinsames Ermittlerteam 22 Verdächtige in Litauen und Polen identifiziert habe, die an einer Serie selbstentzündender Pakete beteiligt gewesen sein sollen. Nach Einschätzung der Ermittler arbeiteten die Beschuldigten im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes GRU oder standen mit ihm in Verbindung.
Der Fall geht auf vier Pakete zurück, die im Juli 2024 aus Litauen in Richtung Großbritannien und Polen verschickt wurden. Eines entzündete sich am Flughafen Leipzig kurz vor der Verladung auf einen Flug, ein weiteres fing in einem DHL-Lager in Birmingham Feuer. In Polen brannte ein Paket in einem Lastwagen aus; ein viertes konnte wegen eines technischen Defekts intakt sichergestellt werden. Gerade dieses nicht ausgelöste Paket lieferte den Ermittlern wertvolle Hinweise auf Bauweise, Zündmechanismus und Schadenspotenzial. Die litauische Staatsanwaltschaft beschreibt die Vorrichtungen als selbstgebaute Brand- und Sprengsätze mit elektronischen Timern, die in vibrierenden Sitzkissen versteckt waren; zusätzliche Brandbeschleuniger steckten in Hygiene- und Kosmetikverpackungen.
Mit der öffentlichen Aktualisierung verändert sich die politische Dimension des Falls. Bislang waren die Brände von 2024 bereits als Teil einer russischen Schattenkampagne in Europa diskutiert worden. Nun haben mehrere europäische Behörden den Schritt vollzogen, ihre Einschätzung offen zu machen und sie mit strafprozessualen Maßnahmen zu verbinden. Eurojust spricht von zwei bereits an Gerichte in Litauen und Polen überwiesenen Verfahren. Reuters zufolge erklärten Ermittler zudem, die Aktion habe nach bisherigem Stand auch als Testlauf für Anschläge auf Frachtflüge in Richtung USA dienen sollen. In den Ermittlungen tauchten zwei Testsendungen in die Vereinigten Staaten und nach Kanada sowie weitere Pakete in Amsterdam auf, die für dieselben Ziele bestimmt gewesen sein sollen.
Auffällig ist auch das Rekrutierungsmuster. Nach Angaben der litauischen Strafverfolger wurden Bürger aus Russland, Lettland, Estland, Litauen und der Ukraine für unterschiedliche Teilaufgaben eingesetzt. Die Anwerbung lief häufig über Bekannte und Messenger-Dienste wie Telegram, die Bezahlung teilweise in Kryptowährungen. Die Behörden betonen, dass viele der mutmaßlich Beteiligten aus sozial prekären Verhältnissen stammten und gerade deshalb für operative Hilfsdienste angesprochen worden seien. Das unterstreicht, wie stark hybride Sabotagekampagnen auf kleinteilige, schwer zuordenbare Netzwerke setzen, statt auf sichtbare staatliche Akteure.
Für Großbritannien ist der Fall nicht abgeschlossen. Die Londoner Anti-Terror-Ermittler erklärten, sie arbeiteten weiter mit der Staatsanwaltschaft, europäischen Partnern und dem betroffenen Frachtunternehmen zusammen. Bereits im März 2025 war ein rumänischer Staatsbürger wegen des Verdachts festgenommen worden, einem ausländischen Nachrichtendienst geholfen zu haben; er wurde später wieder freigelassen und bleibt unter Ermittlungen. Dass nun mehrere Behörden zugleich den GRU-Bezug benennen, erhöht den Druck auf europäische Regierungen, Logistik, Luftfracht und grenzüberschreitende Strafverfolgung stärker als Teil der Sicherheitsarchitektur zu behandeln. Der Vorgang ist damit nicht nur ein Strafverfahren, sondern ein weiterer Beleg dafür, wie nah innere Sicherheit, Lieferketten und geopolitische Konflikte inzwischen zusammengerückt sind.