Island bereitet Referendum zur Wiederaufnahme von EU-Beitrittsgesprächen vor
Islands Regierung will in den kommenden Monaten ein Referendum über die mögliche Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen vorbereiten und dafür zunächst die innenpolitischen Schritte im Parlament anstoßen.
- Premierministerin Kristrún Frostadóttir kündigt Vorbereitungen für ein Referendum „in den kommenden Monaten“ an.
- Zur Abstimmung steht die mögliche Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union.
- Islands Beitrittsprozess wurde 2013 nach rund vier Jahren Verhandlungen eingefroren und später faktisch beendet.
- Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir betont, dass der konkrete Termin noch nicht feststeht.
- Als Treiber gelten innenpolitischer Kostendruck und geopolitische Unsicherheit in Europa.
Island rückt näher an eine Grundsatzentscheidung über seinen künftigen Kurs gegenüber der Europäischen Union. Premierministerin Kristrún Frostadóttir kündigte am 25. Februar 2026 an, dass die Regierung in den kommenden Monaten ein Referendum vorbereiten will, das die mögliche Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen zum Gegenstand hat. Die Aussage fiel am Rande eines Besuchs in Polen, wo Frostadóttir mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk zusammentraf und anschließend öffentlich Stellung nahm.
Im Kern geht es nicht um einen unmittelbaren EU-Beitritt, sondern um den politischen Auftrag, die in der Vergangenheit gestoppten Verhandlungen wieder zu öffnen. Nach Angaben aus Regierungskreisen ist für ein Referendum zunächst ein innenpolitischer Prozess nötig, der in Island über eine parlamentarische Initiative abgesichert werden muss. RÚV berichtete am selben Tag, dass Frostadóttir in Warschau zugleich betonte, Island wolle seine Eigenheiten in Europa wahren – ein Hinweis darauf, dass die Debatte in Reykjavík nicht nur ökonomisch, sondern auch identitätspolitisch geführt wird.
Hintergrund ist ein seit Jahren ruhender Prozess: Island hatte Beitrittsgespräche mit der EU nach der Finanzkrise aufgenommen, die Verhandlungen aber 2013 nach rund vier Jahren ausgesetzt. Seither schwankte die innenpolitische Linie – zwischen Distanz zur EU, enger Kooperation im Europäischen Wirtschaftsraum und wiederkehrenden Diskussionen über eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. In den letzten Monaten mehrten sich Medienberichte über eine mögliche Vorziehung einer Volksabstimmung. Islands Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir stellte zuletzt jedoch klar, dass über den konkreten Termin noch keine Entscheidung gefallen sei.
Als Gründe für die neue Dynamik werden in Island und in europäischen Hauptstädten mehrere Faktoren genannt. Zum einen steht die Insel wirtschaftlich unter Druck, etwa durch gestiegene Lebenshaltungskosten, was die Debatte über Währungsstabilität, Binnenmarktanbindung und Preisentwicklung anheizt. Zum anderen haben sicherheitspolitische Fragen in Europa seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine an Gewicht gewonnen. Für ein Land im Nordatlantik, das traditionell eng mit NATO-Partnern kooperiert, kann die EU dabei als zusätzlicher Rahmen für politische und wirtschaftliche Resilienz wahrgenommen werden.
Offen bleibt, wie schnell die Regierung die nächsten Schritte formalisiert. Frostadóttir kündigte an, die Vorbereitung nun zügig anzugehen, ließ aber den genauen Zeitplan offen. Für die EU wäre eine Wiederaufnahme der Gespräche geopolitisch bedeutsam, weil Island über strategische Lage, Energiepotenziale und starke institutionelle Kapazitäten verfügt. Gleichzeitig ist die Hürde hoch: Ein Referendum würde die innenpolitischen Konfliktlinien sichtbar machen – und erst ein positives Votum würde den Weg für neue Verhandlungsmandate öffnen.