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Naturgy sieht 10,95 Milliarden Euro Risiko aus russischem LNG-Vertrag – EU-Verbot ab 2027 im Blick

Der spanische Versorger prüft, wie ein EU-Importverbot für russisches LNG ab 2027 auf einen langfristigen Take-or-Pay-Vertrag mit Yamal LNG durchschlägt.

JKCM Desk 2 Min Lesezeit
Titelbild: Naturgy sieht 10,95 Milliarden Euro Risiko aus russischem LNG-Vertrag – EU-Verbot ab 2027 im Blick
  • Naturgy beziffert seine russischen LNG-Beschaffungsverpflichtungen auf 10,95 Milliarden Euro und verweist auf mögliche Auswirkungen ab 2027.
  • Der Vertrag mit Yamal LNG aus 2013 enthält Take-or-Pay-Klauseln für 38 TWh pro Jahr bis 2041 und machte 2025 rund 16% der Beschaffung aus.
  • EU-Regeln sehen für langfristige LNG-Verträge ein Importverbot ab 1 Januar 2027 vor, mit Übergangs- und Genehmigungsmechanismen.
  • Naturgy kündigt Gespräche über eine vertragliche Lösung an und arbeitet parallel an zusätzlicher Beschaffung zur Absicherung.

Der spanische Energieversorger Naturgy hat in seinem Jahresbericht auf eine erhebliche vertragliche Exponierung gegenüber russischem LNG hingewiesen. Konkret beziffert das Unternehmen seine Beschaffungsverpflichtungen aus russischem Flüssiggas auf 10,95 Milliarden Euro und sieht das Risiko, dass ein EU-Importverbot ab 2027 die wirtschaftliche Logik des Vertrags beeinträchtigen könnte.

Im Zentrum steht ein langfristiger Liefervertrag mit Yamal LNG, der 2013 geschlossen wurde. Der Vertrag enthält Take-or-Pay-Klauseln und sieht nach Angaben des Unternehmens Mengen von 38 Terawattstunden pro Jahr bis 2041 vor. Naturgy betont, seit Beginn des Ukrainekriegs nur die im Vertrag vorgesehenen Volumina abgenommen zu haben. In der Beschaffung des Jahres 2025 entsprach der Yamal-Vertrag demnach rund 16% des gesamten Beschaffungsportfolios – ein Anteil, der in ähnlicher Größenordnung auch im Vorjahr lag.

Für Naturgy ist die europäische Sanktions- und Importpolitik damit nicht nur eine politische, sondern eine unmittelbare Vertrags- und Bilanzfrage. EU-Regeln sehen einen stufenweisen Ausstieg aus russischen Gasimporten vor und untersagen langfristige LNG-Verträge ab dem 1. Januar 2027. Für Pipelinegas greifen Verbote später, abhängig von Übergangsfristen und der Entwicklung der Speicherfüllstände. Zusätzlich sind Autorisierungs- und Nachweisregeln vorgesehen, um die Umsetzung des Verbots praktisch durchsetzbar zu machen.

Take-or-Pay-Strukturen sind in der LNG-Welt üblich: Käufer verpflichten sich, Mindestmengen abzunehmen oder zu bezahlen, unabhängig davon, ob sie die physischen Mengen tatsächlich benötigen. Wenn ein Importverbot die Annahme der Lieferungen verhindert, entsteht ein Konflikt zwischen regulatorischer Unmöglichkeit und privatrechtlicher Zahlungspflicht. In solchen Situationen rückt die Frage nach „force majeure“ beziehungsweise höherer Gewalt in den Vordergrund – also nach Klauseln, die Parteien unter bestimmten Bedingungen vor Haftung schützen können.

Naturgy hat signalisiert, Gespräche mit dem Lieferanten zu führen, um eine Lösung zu finden und potenzielle Schäden zu begrenzen. Parallel gewinnt die Diversifizierung der Beschaffung an Bedeutung, weil europäische Abnehmer ab 2027 zusätzliche LNG-Volumina aus alternativen Quellen benötigen könnten. Für den europäischen Gasmarkt ist der Fall exemplarisch: Je näher der Stichtag rückt, desto häufiger werden Unternehmen ihre langfristigen Russland-Verträge neu bewerten, Risiken quantifizieren und Optionen wie Weitervermarktung, Tauschgeschäfte oder Vertragsänderungen prüfen.

Für Naturgy bleibt dabei entscheidend, wie die EU die Übergangsregeln konkret anwendet und wie Gerichte oder Schiedsstellen die Kombination aus Importverbot und Take-or-Pay-Klauseln im Streitfall bewerten würden. Der Jahresbericht unterstreicht jedenfalls, dass die europäische Energiepolitik zunehmend direkte Auswirkungen auf bestehende Lieferverträge und damit auf die finanzielle Planung großer Versorger hat.