Es ist eine Zeitbombe: Rumänien führt EU‑Masernfälle an, Impfquoten brechen ein
Zwischen 2023 und 2025 registrierte Rumänien mehr als 35.000 Masernfälle und mindestens 30 Todesfälle; Experten warnen vor einem neuen Ausbruch angesichts sinkender MMR‑Raten und struktureller Hürden.
Nach Angaben lokaler Mediziner und Gesundheitsstellen führt Rumänien die Masernstatistik in der EU an. Zwischen 2023 und 2025 wurden landesweit mehr als 35.000 Infektionen und mindestens 30 Todesfälle verzeichnet, viele der Opfer waren Säuglinge, die für eine Impfung noch zu jung waren. In einzelnen Jahren entfielen damit ein erheblicher Anteil der europäischen Fälle auf Rumänien.
Im Mittelpunkt der Krise steht ein dramatischer Rückgang der MMR‑Impfquoten. Die erste Dosis wird zwischen 14 und 18 Monaten empfohlen; die vollständige Durchimpfung liegt jedoch weit unter dem für Herdenschutz notwendigen Niveau. Die Abdeckung steigt zwar von etwa 47,4% im Alter von 14 Monaten auf rund 81% etwas später, bleibt aber deutlich hinter der empfohlenen Marke von 95% zurück. Die Quote für die zweite Dosis im Alter von fünf Jahren liegt landesweit knapp über 60% und fällt in manchen Gemeinden auf nur etwa 20%.
Zugleich haben strukturelle Entscheidungen die Erreichbarkeit von Impfangeboten geschwächt. Seit 2015 obliegt die direkte Verabreichung von Impfungen ausschließlich Hausärzten; dadurch sind bürokratische Hürden, Wartezeiten und die Belastung der Primärversorgung gestiegen. Die Abschaltung schulischer Impfprogramme durch Krankenschwestern hat zusätzliche Lücken gerissen und den Zugang für viele Familien erschwert.
Ärztinnen und Ärzte in betroffenen Regionen schildern überlastete Praxen und begrenzte Kapazitäten. In der Kleinstadt Săcele versorgen beispielsweise nur sieben Allgemeinmediziner mehr als 30.000 Menschen; nach dem Ausbruch 2024 starb dort ein ungeimpftes Kleinkind. Experten sehen in der Kombination aus Armut, sogenannten medizinischen Wüsten und dem Zeitmangel der Hausärzte einen Hauptgrund, warum viele Familien nicht erreicht werden und Nachhol‑Impfungen ausbleiben.
Daneben spielt die soziale Lage eine zentrale Rolle: prekäre Wohnverhältnisse, fehlende Infrastruktur und eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsdiensten verhindern oft die Teilnahme an Impfprogrammen, selbst wenn Eltern die Impfung grundsätzlich befürworten. Diese strukturellen Hindernisse verschärfen die Anfälligkeit ganzer Gemeinden und erhöhen das Risiko weiterer Ausbrüche, solange die Impfquoten auf dem aktuellen Niveau verharren.