Panetta warnt vor Handelsfragmentierung und drängt auf digitale Finanzinfrastruktur
Notenbankchef Fabio Panetta warnt vor den wirtschaftlichen Kosten der Handelsfragmentierung und fordert für Europa schnellere Handelsabkommen sowie eine robuste digitale Finanzinfrastruktur.
- Die Weltwirtschaft wuchs 2025 um 3,3 Prozent, gestützt auch von Investitionen rund um künstliche Intelligenz und Rechenzentren.
- Neue Zölle haben den Welthandel nicht gestoppt, erhöhen aber Kosten und Komplexität globaler Lieferketten.
- Schätzungen in der Rede zufolge tragen US-Verbraucherinnen und Verbraucher inzwischen etwa die Hälfte der Zollbelastung, mit einem Inflationsbeitrag von etwas mehr als einem halben Prozentpunkt.
- Durchschnittszölle liegen demnach bei rund 12 Prozent für westliche Partner, etwa 15 Prozent für nicht gebundene Staaten und ungefähr 30 Prozent für den östlichen Block.
- Panetta sieht Europas Hebel in mehr Handelsabkommen und in der Stärkung digitaler Zahlungsmittel und Kapitalmarktinfrastruktur im Euroraum.
Italiens Notenbankchef Fabio Panetta hat am Samstag in Venedig vor den wachsenden realwirtschaftlichen Kosten einer fragmentierten Weltwirtschaft gewarnt und die jüngste Zollwelle als Risiko für Lieferketten, Preise und Investitionsentscheidungen beschrieben. In seiner Rede verwies Panetta zugleich auf ein Umfeld, das 2025 trotz geopolitischer Spannungen robust geblieben sei: Die Weltwirtschaft sei um 3,3 Prozent gewachsen, getragen auch vom Investitionsschub rund um künstliche Intelligenz und den Bau neuer Rechenzentren.
Panetta betonte, dass die höheren Zölle bisher nicht zu einem Einbruch des Welthandels geführt hätten, weil Handelsströme umgelenkt wurden und angekündigte Maßnahmen teils weniger stark ausgefallen seien. Dennoch seien die Nebenwirkungen spürbar: Wertschöpfungsketten würden komplizierter, Produktions- und Logistikkosten könnten steigen und die Transparenz im Handel nehme ab. Für die Vereinigten Staaten beschrieb er eine erhebliche Belastung der eigenen Volkswirtschaft: Ein Teil der Zollkosten werde von ausländischen Exporteuren getragen, der größere Teil jedoch von Unternehmen und Haushalten in den USA. Der Anteil, der inzwischen bei Konsumentinnen und Konsumenten ankomme, liege nach den in der Rede zitierten Schätzungen bei etwa der Hälfte; der Beitrag der Zölle zur Inflation werde auf etwas mehr als einen halben Prozentpunkt beziffert.
Zur Illustration der neuen Blocklogik im Welthandel nannte Panetta Durchschnittszollsätze, die sich nach geopolitischen Gruppen deutlich unterscheiden: Für Importe aus westlichen Partnerländern liege das Niveau bei rund 12 Prozent, für nicht gebundene Staaten bei etwa 15 Prozent und für Länder des östlichen Blocks bei ungefähr 30 Prozent. Die USA selbst stünden trotz eines Anteils von etwas über 10 Prozent am Welthandel im Zentrum des Systems, weil sie bei Technologie, Militär und internationaler Finanzierung eine Schlüsselrolle spielten. Gleichzeitig seien die Verflechtungen mit Europa groß: Europa nehme rund ein Fünftel der US-Warenexporte und 40 Prozent der Dienstleistungsexporte ab; außerdem entstehe dort ein erheblicher Teil der Auslandsgewinne von US-Konzernen.
Für Europa leitete Panetta daraus zwei Aufgaben ab: Erstens müsse die EU die Zahl und Tiefe belastbarer Handelsabkommen ausbauen, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Regeln durchzusetzen; nahezu die Hälfte des europäischen Außenhandels laufe bereits unter Präferenzabkommen, weitere Deals seien in Arbeit. Zweitens müsse Europa seine finanzielle und technologische Souveränität stärken, weil Fragmentierung auch in der Währungs- und Zahlungsarchitektur sichtbar werde. Panetta verwies auf die wachsende Bedeutung digitaler Zahlungsmittel, auf Stablecoins und die Tokenisierung von Finanzinstrumenten und warb für eine digitale Form von Zentralbankgeld als Ergänzung zu Bargeld und Bankeinlagen. Ziel sei, dass Innovation in Zahlungssystemen und Kapitalmärkten nicht zu neuen Abhängigkeiten führt, sondern zu effizienteren grenzüberschreitenden Transaktionen und stabilen Standards im Euroraum.